Satzzeichen-Serie (Folge 2): Weder Fisch noch Fleisch – das Semikolon

Semikolon

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Ich sehe ihn schon kommen: den Zorn der Lektoren und Sprach-Blogger. „Rettet das Semikolon“ haben sie nicht nur zu einem ihrer Berufsmottos gemacht, sondern immer auch zur Überschrift ihrer Artikel, in denen es um das aussterbende Satzzeichen geht. Offenbar gehört es zum guten Ton, den Strichpunkt vor dem Untergang bewahren zu wollen – sofern man dazugehören will, zu den Sprachbewahrern von heute.

Leute, in dieses Horn kann ich leider nicht blasen. Ich bin raus. Allerdings spreche ich hier auch nur für die Texte, die mir als Texte-Macher besonders am Herzen liegen. Und das sind alle außer künstlerische. Denn die Kunst geht eigene Wege. Ich hätte Joseph Beuys auch nie davon abgeraten, Fett in seinen Werken zu verwenden. Wie käme ich dazu? Das ist Kunst und der Butterberg muss ohnehin weg.

Aber mit Presse-, Image-, Werbe- und PR-Texten haben wir ja andere Ziele vor Augen. Und dahin wollen wir den Leser führen – auf einer mit Sätzen, Wörtern und Satzzeichen gepflasterten Straße. Mit Punkt, Komma, Gedankenstrich und Doppelpunkt sind wir gut ausgestattet. Ich kann deutlich trennen, sehr elegant verbinden und alles tun, was dazwischenliegt. Warum also ein Satzzeichen bemühen, das weder Fisch noch Fleisch ist? Irgendwo so mittendrin. Für Sachtexte ziemlich überflüssig.

In den erwähnten Rettet-das-Semikolon-Artikeln findt sich auch nicht ein einziges Semikolon, abgesehen natürlich von denen in solchen brillanten Beispielen wie: „Äpfel, Birnen; Bier, Wein; Tempos, Wattepads“. Sehr übersichtlich, dieser Einkaufszettel. Dem Semikolon sei Dank! Bei „Äpfel, Birnen, Bier, Wein, Tempos, Wattepads“ würde ich bestimmt die Hälfte vergessen. Da blickt doch keiner durch. Einmal hin, das Falsche drin.

Anhalten unerwünscht

Ich will nicht, dass der Leser in meinem Text stolpert, auch nicht über ein Satzzeichen. Bei einem Semikolon muss der Leser, meine ich, quasi erst einmal nach dem Weg fragen, um im Bild der Straße zu bleiben. Rechts oder links? Weiß nicht, halt mal an! Dass unsere Leser anhalten, sollten wir unter allen Umständen verhindern. Auch ein Grund dafür, warum wir gut und fehlerfrei schreiben müssen.

Journalisten und andere Autoren, die heute viele Semikola verwenden, haben garantiert einen dieser Rettet-das-Satzzeichen-Aufrufe gelesen oder sogar einen verfasst. Aber vielleicht denke ich auch zu negativ. Die meinen es bestimmt gut. Sicher wollen sie sich nur intellektuell von den 95 Prozent der Deutschen abheben, die das Semikolon nicht nutzen.

Also, mehr als semigeil ist das Teil nicht. Aber ganz abschaffen? Nein, nein, soweit will ich jetzt auch nicht gehen. Da bin ich jetzt einmal so unentschlossen wie das Semikolon selbst. Denn erstens gibt es noch die Romanautoren unter uns und zweitens brauche ich das Ding noch woanders. Immer dann, wenn ich wieder das passende Emoji nicht finden kann: Schatz, ich hab‘ den Einkaufszettel vergessen! Fisch oder Fleisch? 😉

Bereits erschienen in dieser Serie: Jetzt mach‘ aber mal ‘nen Doppelpunkt!

Grafik: Volker Lahr

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