Draußen gibt’s nur Zigaretten

Rauchen

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Seit der Rechtschreibreform ist es einem zumeist freigestellt, beim erweiterten Zu-Infinitiv ein Komma zu setzen. Laut der Duden-Regel sollten Sie aber eines verwenden, wenn Sie so Missverständnisse ausschließen. Obwohl ich mich immer bemüht hatte, konnte ich in der Praxis nie einen solchen Zweifelsfall finden. Oder wenn, dann hätte das eventuelle Missverständnis keine oder nur unbedenkliche Folgen gehabt. Warum also dafür, angesichts der teuren Tintenpatronen, ein Komma verschwenden?

Bei einem Kurzurlaub an der Nordsee fand das lange Suchen tatsächlich dann ein glückliches Ende: In unserer Ferienwohnung hing der obligatorische “Wichtiger-Hinweis-Zettel”. Privatanbieter und kleine Hotels sind wahre Meister darin. Sie übermitteln ihre Botschaften gern in einer Klarsichthülle und in einem Deutsch, das Lektoren-Herzen höherschlagen lässt. Falls an der Wand oder an der Tür ausnahmsweise nichts hängt, schauen Sie in die Hotelmappe auf dem Schreibtisch. Darin erwartet Sie die Standard-Willkommensfloskel “Wir freuen uns Sie in unserem Hause begrüßen zu dürfen!” (das Komma fehlte hier schon vor der Rechtschreibreform) und danach ein bunter Strauß freundlich gemeinter, aber schlecht gemachter, Predigten: das Zimmer am Abreisetag bis 10 Uhr verlassen, beim Frühstück kein Obst mitnehmen, vorwärts einparken, nach 22 Uhr die anderen Gäste nicht belästigen und so weiter.

Ich habe diese “Wir-schreien-gleich-mal-unsere-Kunden-an-Praxis” bei meiner aktuellen Bewertung auf einem großen Buchungsportal angeprangert und mir dabei wirklich Mühe gegeben. Trotzdem, oder vielleicht deswegen, befindet sich mein Urteil seit mehr als drei Wochen in der “redaktionellen Prüfung”. Ich glaube nicht, dass es irgendwann erscheint. Was soll’s, dann halt als Blog-Beitrag.

Aber zurück in den Norden. Dort stand: “Wir bitten Sie NICHT im Zimmer zu rauchen.” Wir waren zunächst wirklich froh, so eine liebevolle Herbergsfamilie gefunden zu haben. Eine, die einen nicht dazu zwingt, im Urlaub mit dem Rauchen anzufangen. Auf den zweiten Blick kam mir allerdings der Gedanke, dass vielleicht einfach nur ein Komma fehlte. Gemeint war doch bestimmt: “Wir bitten Sie, NICHT im Zimmer zu rauchen.” Vor lauter Anstrengung, mit seiner Tastatur unterstrichene Großbuchstaben zu erzeugen, hatte unser Vermieter vermutlich die Zeichensetzung ganz aus den Augen verloren. Und hier wäre so ein kleines Komma – trotz der Rechtschreibreform – wichtig gewesen, eigentlich sogar existenziell notwendig.

Jetzt muss ich natürlich eines eingestehen: Ich habe hier etwas zugespitzt. Denn aus dem weiteren Text der Gastgeber-Botschaft ging hervor, dass man das Rauchen doch draußen erledigen solle. Somit hatte ich einen weiteren Grund, an diesem Tage richtig glücklich zu sein: Ich wurde nicht gezwungen zu rauchen, ich kannte endlich ein Beispiel für ein gefährliches Missverständnis bei einem fehlenden Zu-Infinitiv-Komma und ich musste nicht bei nordischem “Schitwetter” in den Garten. Letzteres hätte ich allerdings auch irgendwie überstanden. Denn am Meer schlägt das Wetter ja doch schnell um und außerdem hätte mich bestimmt meine Frau begleitet. Zumindest hätte ich sie zum Gartengang eingeladen. Vermutlich mit den Worten “Ich bitte dich, mit mir draußen eine zu rauchen!” oder, aber das wäre schon ein bisschen verkürzt gewesen, einfach nur: “Komma rauchen!”

Rauchen verboten

Fotos: Volker Lahr

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